• Banking and Finance in Historical Perspective
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36. Jahrgang | Jahr 2010 | Heft 1

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Miszelle: Seite 61–81

Boris Gehlen
"Avantgarde", "Establishment" und sozialer Komment in der Hochfinanz der Weimarer Zeit zwischen Inklusion und Exklusion / "Avant-garde," "Establishment" and the Social Code of Behaviour in Circles of High Finance in the Weimar Republic, from Inclusion to Exclusion
The term "responsible acting" on the part of market actors keeps popping up in the current crisis discussions – given that responsibility for one's own actions is crucial, and acting by the individual forms the basis of economic activities per se. If one wants to assess the actions of individual actors historically, it is requisite to consider the basis of their decisions as well as the constraints put upon decision making. The foundations of decision-making, its structures and routines unquestionably underwent a fundamental modification in the banking market of the 1920s. Against this backdrop, the present paper will analyse the decision-making comportment of the actors taking part, from economic rationalism to personal relationships and/or animosities, using the example of the initiation and implementation of the merger of Deutsche Bank and Disconto-Gesellschaft in 1929. The question within this context is whether the doubts about the circles of established high finance, which surely were on hand during the crisis, opened up opportunities for non-conformist actors on a long-term basis to make their way from the "avant-garde" circles into the "establishment".

„In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln.“ So ahistorisch, provokant und überzogen dieser Vergleich von Hans-Werner Sinn fraglos war,1 so diskutabel ist er doch in seinem Kern: Denn jede Wirtschaftskrise bringt ihre eigene Sündenbock-Diskussion hervor, gleichsam als Versuch, Krisenursachen zu personalisieren. Es mag der menschlichen Natur entsprechen, Krisen ein Gesicht geben zu wollen, wohl weil sich derart die Komplexität anonymer Markttransaktionen rationaler Akteure reduzieren lässt. Eine solche Personalisierung ist einerseits nachvollziehbar, weil sich in jeder Bankenkrise auch individuelles Fehlverhalten nachweisen lässt, doch andererseits geht eine Stigmatisierung ganzer Akteursgruppen bei genauerer Betrachtung tatsächlich am Kern der Sache vorbei, da Bankiers und Bankmanager als (angestellte) Unternehmer Opportunisten qua Profession sind und auf Anreize in Märkten reagieren, um den eigenen Nutzen zu optimieren. Sie handeln als Akteure rational, und ein solches, individualistisches Handeln ist als Grundlage aller kapitalistischen Ordnungen generell akzeptiert.2 In der Regel – so es sich nicht um offensichtlich gesetzwidriges Vorgehen handelt – folgen die Akteure auch im Vorfeld von Krisen den Chancen, die ihnen der Markt bietet. [...]

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