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36. Jahrgang | Jahr 2010 | Heft 2

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Aufsatz: Seite 124–150

Alexander Troschke / Friedrich Thießen
Was wusste Markowitz? Die Geschichte der Diversifikation / The History of Diversification
Diversification is one of the most important phenomena in finance. Its origins are hardly explored. Mark Rubinstein assumed, Markowitz’ paper of 1952 "seemed to come out of nowhere". It is the aim of this article to explain the history of diversification in science and practice in order to show what was known, when Markowitz wrote his ingenious article of 1952. Taken together we find that financial markets developed a surprisingly good intuitive understanding of diversification as early as risk became a commercial problem. Various aspects of the correlation phenomenon had been discussed in the financial markets among practitioners long before Markowitz. One finds the descriptions of market phenomena with correlation coefficients of zero (for which diversification was suggested as a good instrument), of minus one (for which hedging was proposed as early as 1924), of plus one (especially in crises, for which authors warned to rely on diversification) and of correlation coefficients between plus one and zero. Markowitz' base was neither this knowledge of practitioners nor such literature. His outstanding conclusions were mainly the result of using an innovative framework for the formal description of the diversification problem. The main conceptual ideas for this framework are derived from science, i.e. the work of the Econometric Society of 1930 and the Cowles Commission of 1932.

I. Einleitung

Wenn man heute einen sachverständigen Menschen nach den wichtigsten Prinzipien der Vermögensanlage fragt, wird er sicherlich die ‚Diversifikation‘ als eines der ersten nennen. Wenn man aber in die Geschichte zurückgeht und nach den Anfängen des Verständnisses der Diversifikation sucht, wird man erst im 20. Jahrhundert – genauer: in der Zeit kurz bevor der Chicagoer Ökonom Harry Max Markowitz sich mit der ,Portfolio Selection‘ befasste und damit der modernen Portfolio-Theorie zum Durchbruch verhalf – fündig und zu befriedigenden Erklärungen des Phänomens gelangen. Kaum ein Effekt ist so häufig übersehen, missverstanden, fehlgedeutet und vielleicht aber auch nur, da als zu banal eingeschätzt, nicht angesprochen worden wie die Diversifikation. Indizien dafür, dass die Diversifikation genutzt wurde, lassen sich zwar bis zurück zum Altertum verfolgen. Aber es gibt aus dieser Zeit und auch aus viel späteren Zeiten keine bekannte Quelle, die schriftlich belegen würde, dass die Ursachen des Diversifikationseffekts richtig verstanden wurden. So finden sich schon für das späte Mittelalter modern anmutende Vorschläge, Investments in riskante Projekte zu streuen. Hingegen lassen sich für diese Zeit überzeugende Begründungen für diese Vorschläge genauso wie die dahinter stehenden Ideen und Erwartungen nicht ausmachen. Noch im frühen 20. Jahrhundert findet sich in vielen Quellen der stereotyp vorgeschlagene Rat, Geldanlagen über Wertpapierarten, Regionen und Branchen zu streuen, ohne dass die Autoren eine Begründung dafür aussprechen oder die Streuungsvorschrift näher ausführen und konkretisieren.

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